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 Wolfgang Ziegler – ins West-Studio durch den HINTEREINGANG

Der Schlager- Poet aus Berlin feiert am 8. Oktober den 77. Geburtstag. Noch wichtiger als das ist für ihn ein anderes Datum: Am 3. Oktober jährt sich zum 30. Mal der Tag der Deutschen Einheit. Wir haben nachgefragt, was ihm das Jubiläum bedeutet

Großes INTERVIEW mit Wolfgang Ziegler zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit

Stadlpost: 77 Jahre – eine Schnapszahl! Das ist doch etwas Besonderes.

Wolfgang Ziegler: Ja, aber die 77 scheint mir immer noch wie ein Irrtum vom Amt (lacht). Ich fühle mich immer noch wie ein junger Bengel. Im Kopf, aber auch der Körper funktioniert.

Stadlpost: Ist die Musik das Geheimnis deiner Fitness?

Wolfgang Ziegler: Ja, ich denke schon. Dieses Träumen, dieses Schwelgen in Emotionen, wenn Songs entstehen – das kostet auf der einen Seite sehr viel Kraft, aber wenn’s vollbracht ist, ist das Gefühl ebenso gut wie nach einem erfolgreich absolvierten Workout.

Mit Sohn Martin PRIVAT
Sohn Martin de Vries produziert heute Wolfgangs Hits

Stadlpost: Aber so etwas wie Frühsport machst du doch bestimmt?

Wolfgang Ziegler: Das klingt jetzt vielleicht schräg, aber: Ich höre jeden Morgen ganz laut Klassik, dazu bewege ich mich so, als wenn ich voller Inbrunst dirigiere. Und nach 32 Minuten Beethovens 5. bin ich richtig schön durchgeschwitzt und habe jede Menge Kalorien verbrannt. Danke, Ludwig (lacht)!

Stadlpost: Zum 30. Mal wird in diesem Jahr der Tag der deutschen Einheit begangen. Was bedeutet das für dich?

Wolfgang Ziegler: Ganz viel! Mit den blühenden Landschaften hat es zwar nicht ganz so geklappt wie geplant. Aber die Freiheit der Menschen und die Chance auf Demokratie sind die Grundfesten, auf denen wir alle weiter Harmonie anpflanzen und zum Blühen bringen können. Alles liegt an uns.

Stadlpost: Du hast mit „Verdammt und dann stehst du im Regen“ 1987 einen deutsch-deutschen Hit gelandet. Und da stand der eiserne Vorhang ja noch. Wie kam es zu dem Song?

Wolfgang Ziegler: Freunde haben mir damals den Kontakt zu dem West-Texter Christian Heilburg vermittelt, der in der Landauer Straße in Westberlin sein Büro hatte – bei uns stimmte sofort die Chemie.

Stadlpost: Warum konnte der Song in der DDR für so Furore sorgen? Oft wurden Ost-West-Zusammenarbeiten ja streng beäugt und oft boykottiert.

Wolfgang Ziegler: Das wäre mir sicher auch passiert, wenn damals durchgesickert wäre, dass sich hinter dem Pseudonym Christian Heilburg der bekannte RIAS-Moderator Gregor Rottschalk verbarg. Das heißt, es sickerte etwas später, nach meinem Sieg beim Interpretenwettbewerb dann doch durch. Aber da war es schon zu spät: „Verdammt“ war bereits ein Hit!

Stadlpost: Erinnerst du dich an deinen ersten Besuch 1986 in den Hansa-Studios in der Köthener Straße?

Wolfgang Ziegler: Oh ja, ich war total happy! Als ich das Haus betrat, stand plötzlich David Bowie vor mir (lacht). Ich dachte, ich habe Halluzinationen! Und dann entdeckte ich diese geniale Studiotechnik und diese motivierten Männer am Pult. Aber beim Blick hinten aus dem Fenster auf den Todesstreifen sah ich die schwer bewaffneten Grenzsoldaten und diese Riesenmenge Stacheldraht. Da wurde ich so traurig, dass ich mich vor dem nächsten Einsingen erst mal ablenken musste.

Mit Michael Niekammer 4c
STADLPOST-
Reporter Michael Niekammer
begleitete Wolfgang Ziegler bei seinem Streifzug durch SEIN Berlin

Stadlpost: Warum bist du damals nicht im Westen geblieben?

Wolfgang Ziegler: Das habe ich mich oft gefragt. Die SED lockte mich mit jeder Menge Vorteilen, die Stasi wollte mich unbedingt anwerben. Ich konnte aber zum Glück alles ablehnen, ohne beruflich Schaden zu nehmen. Es klingt jetzt vielleicht etwas zu selbstbewusst, aber meine Musik war wohl einfach zu gut, um mich mit Repressa­lien zu erpressen. Zum Glück.

Stadlpost: Hast du deine Stasi-Akte später gelesen?

Wolfgang Ziegler: Nein, ich verachtete Menschen, die spitzelten und anderen so Schaden zufügten. Aber ich wollte nicht wissen, wer in meinem Umfeld über mich geschrieben hat. Ich hatte schlichtweg Angst, dass es mich unendlich traurig machen könnte.

Stadlpost: Und die Besuche bei dem Texter von „Verdammt“ beim RIAS wurden nicht bekannt?

Wolfgang Ziegler: Der RIAS hatte für DDR-Hörer eine Deckadresse, der Empfänger war „Herbert Brandt“ – ein Fantasie-Name, die Adresse Mettestraße 1. Das war eine Schule neben dem RIAS Gebäude. Ich bin damals immer durch einen Nebeneingang rein. Das war sicherer. Dort traf ich all die Legenden wie Schlager-Ikone Nero Brandenburg, der meinen Song sofort in seiner Hitparade spielte.

Stadlpost: Die West-Mitarbeiter dort kannten die Tricks, um eventuellen Beobachtern zu entgehen?

Wolfgang Ziegler: Ja, auch Jürgen Jürgens vom SFB holte mich quasi durch den Keller ins Haus, dann ging’s mit dem Paternoster nach oben und dann zum Interview. Wenn das erst mal on air war, war mir sowieso alles egal.

Stadlpost: Nach der politischen Wiedervereinigung gab es ja dann auch noch eine familiäre Wiedereinigung …

Wolfgang Ziegler: Ja, kann man so sagen. Doris, die Mutter meines Sohnes Martin, gehörte zu meiner Gruppe „Wir“. Sie war damals mit dem Kleinen in den Westen abgehauen. Dort war sie zum Beispiel mit Dieter Bohlen in der Band „Sunday“ recht erfolgreich. So hatten Martin und ich zunächst keinen Kontakt. Als er dann Jahre später in der berühmten Wittelsbacher Straße bei den Meisel-Verlagen als Produzent, Komponist und Sänger vor mir stand, da glaubte ich, in einen Spiegel zu sehen.

Stadlpost: Heute seid ihr Kollegen, wie funktioniert das mit Euch?

Wolfgang Ziegler: Super, ich inhaliere sein Know-how und sein Feuer für die Musik, er lernt aus meinen Erfahrungen. Ich bin ein Riesenfan seines Könnens. Ähnlich ist das übrigens mit meiner Tochter Sabrina – sie ist eine großartige Moderatorin und eine super Sängerin. Mit ihr singe ich ja auch auf meinem 2018er-Album das wunderschöne Duett „Der erste Kuss“.

Stadlpost: Gibt es abschließend noch einen Satz, mit dem du vielleicht gern mal auf einem Kalenderblatt zu lesen wärst?

Wolfgang Ziegler: Erfolg und Miß­erfolg sind wie Yin und Yang – eines ohne das andere verdirbt den Charakter und geht früher oder später schief!