Dialekte der MusikweltStadl+

Wo selbst ein Fluch wie eine Liebeserklärung klingt

Bärndütsch sind die schweizerdeutschen Dialekte, die im Berner Mittelland und einigen benachbarten Regionen gesprochen werden. Das Mittelland umfasst das teils flache, weitgehend jedoch hügelige Gebiet zwischen Jurazug und Alpen.

E r ist der beliebteste der Schweizer Dialekte. Laut einer Umfrage eines Schweizer Magazins gefällt 27 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer die Mundart im und rund um den Kanton Bern am besten.

Berndeutsch – ein Sammelbegriff

Klar abgegrenzten, einheitlichen berndeutschen Sprachraum gibt es übrigens nicht. Üblicherweise werden die im deutschsprachigen Teil des Kantons Bern gesprochenen Dialekte Berndeutsch genannt, doch die tatsächlichen Dialektgrenzen verlaufen nur teilweise entlang der Kantonsgrenzen. So unterschiedlich Mensch und Region, so unterschiedlich auch die Abweichungen. Man spricht im Haslital ganz anders als im Seeland. Selbst innerhalb der Stadtgrenzen gibt es zahlreiche Färbungen, je nach Quartier, Gesellschaftsschicht und Bildungsstand.

Übrigens: Berndeutsch reden auch über 6000 Amische (eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft) in einer Sprachinsel im amerikanischen Bundesstaat Indiana im Adams County.

Die geschmeidige Zärtlichkeit des Anlautes „ch“

Berndeutsch zählt zu den hochalemannischen Sprachen. Kennzeichnend dafür ist die Verschiebung vom germanischen k im Anlaut zu ch. Das große Kind wird zu „ds groosse Ching“. Wie viele andere Dialekte und Mundarten auch hat Berndeutsch seinen Ursprung im Bauerntum. Demnach ist er hoch emotional, persönlich und häuslich. Auch das Mattenenglisch, eine frühere Geheimsprache aus Bern, hat seinen Fußabdruck im Berndeutschen hinterlassen. Durch den Austausch mit anderen Sprachkulturen kommen natürlich auch im Berndeutschen ständig neue Wörter hinzu. Neben Hochdeutsch, Französisch und Englisch mischen sich auch vermehrt Balkansprachen in den täglichen Sprachgebrauch. Übrigens: Die höfliche Anredeform im Gespräch ist „Dir“, nicht „Sie“!

Äuä: ein Wort für alle Fälle

Ein Wort, das sich wohl ewig halten wird, ist das „Äuä“. Das Wort existiert sonst wohl in keinem Kanton und wird von den Bernern in fast jedem Satz verwendet. Nicht leicht nachzuahmen und schon gar nicht zu verstehen. Fragt man nach der Bedeutung, kommt meist die Antwort „Das kann man für alles nehmen“.

Historic Ridge Over Aare River Against Cloudscape In Thun, Switzerland

Aha! In Bern spricht man etwas langsamer als in Zürich

Nicht nur die Ausdrücke unterscheiden sich in den Schweizer Kantonen, auch die Sprechgeschwindigkeit ist bei den Deutschschweizern recht divers. Eine linguistische Studie hat gezeigt, dass besonders westliche Dialektsprecher deutlich langsamer sprechen als der Rest. Pro Sekunde sprechen Berner fünf Silben, Züricher sechs. Hochgerechnet auf eine Minute macht das doch vier bis fünf Sätze aus, die die Berner weniger formulieren. Der Unterschied hängt damit zusammen, dass Berner die Vokale in die Länge ziehen und vor allem auch die letzte Silbe im Satz extensiv längen, was wiederum zu einer langsameren Sprechgeschwindigkeit führt. Wohlgemerkt: Sprachgeschwindigkeit hat nicht mit der Denkgeschwindigkeit zu tun!

Eine musikalische Vertreterin ist Monique

Geburtsort: Bern.

Heimatort: Thun.

Lieblingswort mit Erklärung: „Himugüegeli“ (Marienkäfer).

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„Ich liebe meinen Dialekt und finde es sehr schön, wenn jeder seinen Dialekt noch pflegt. Das ist doch so was Tolles und Besonderes“, schwärmt Monique schon beim Einstieg des Interviews. Aufgewachsen in Bern, beherrscht sie das Berndeutsch natürlich wie aus dem Effeff, gesungen hat sie aber immer auf Hochdeutsch.

„Ich selbst habe nie Mundart gesungen. Aber lustigerweise sind die erfolgreichsten Schweizer Sängerinnen und Sänger alle aus dem Kanton Bern. Da hätten wir Francine Jordi, Oesch die Dritten, Trauffer, Gölä, Padent Ochsner, um nur einige zu nennen.“
Obwohl die Schweizerin im Laufe ihrer Karriere um die halbe Welt gereist ist, hat es sie immer wieder in die Schweiz zurückgezogen. „Heimat ist für mich die Wurzel meiner Herkunft und zugleich auch meine Kraftquelle“, sagt sie. Seit über 20 Jahren wohnt Monique jetzt schon im Kanton Aargau. An den Bernern vermisst sie nicht nur den Dialekt. „Das Berndeutsch ist, wie ich finde, so ein beruhigender Dialekt. Man sagt zwar immer, die Berner seien besonders langsam, aber das ist nur, weil wir Dinge viel direkter ansprechen und nicht lange um den heißen Brei herumreden“, sagt sie und lacht herzlich. Obwohl ihre Kinder den Dialekt des Kantons Schwyz sprechen, wird zu Hause meist im Heimatdialekt von Mutter Monique gesprochen. „Bevor die Kinder in den Kindergarten gekommen sind, haben sie auch vereinzelt berndeutsche Ausdrücke gehabt wie „Miuch“ oder „Äckegstabi“ und nicht „Halscheeri“, was soviel bedeutet wie Nackenstarre, das hat sich aber in der Schule dann schlagartig geändert“, erinnert sie sich zurück.

Was die nähere musikalische Zukunft betrifft, so plant die Sängerin ihr aktuelles Album „Kuss“ nochmals so richtig aufleben zu lassen: „Nachdem das Album gerade eine Woche vor dem ersten Lockdown auf den Markt gekommen ist, und ich mit diesen Songs noch nie auftreten konnte, möchten wir das gerne sobald es geht nachholen.“ Auch eine neue Single, ein Coversong, ist in Planung. Und zwar lustigerweise das erste Mal in Mundart. ■ Anja Sorger

Wörterbuch: Bärndütsch – Deutsch

Äuä – Allerweltswort / Hurti – rasch erledigen / Abläschele – jemandem etwas günstig oder gratis abnehmen / Buttele – wiegen / Düüssele – schleichen / Himugüegeli –
Marienkäfer / Moudi – Kater / Mödeli – Butter / Gäggelizüüg – Krimskrams

Merkmale des Dialektes:

• Berner verschlucken die Vokale öfter als andere Mundartsprecher.

• Aus „k“ wird ein kehliges „ch“.

• Bärndütsch isch wie Musig: langi Vokäl, schöni Diphtong. Dt.: langgezogene Vokale und Doppellaute aus zwei Vokalen innerhalb einer einzigen Silbe wie ei, au, äu, eu, ai, oi und ui.

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