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Michael Hirte: „Gedeckter Tisch“ in der Nikolaikirche zieht Hunderte Gäste an

Vom Arbeitslosen, der sich mit Straßenmusik über Wasser hält zum Superstar: Michael Hirte weiß, wie es ist, ganz unten zu sein.

Wenn man sich kein neues Spielzeug für die Kleinen leisten kann, keinen Friseurbesuch, dann kann das Leben ganz schön einsam sein. Die Aktion „Gedeckter Tisch“ von der Nikolaikirche und zahlreichen sozialen Organisatoren der Stadt kämpft gegen die Einsamkeit an.

Schon an der Tür ist klar, dass beim „Gedeckten Tisch“ in der Nikolaikirche jeder herzlich willkommen geheißen wird. Zur Begrüßung bekommt jeder Besucher eine weiße Rose – 800 werden nach nur fünf Stunden verteilt sein, dahinter stehen 800 Geschichten von Menschen in Potsdam, die sich kein Spielzeug für die Kinder leisten können, keinen Konzertbesuch, keine neue Frisur.

Einer dieser Menschen ist René. Die schwere Kirchentür war noch verschlossen, da war er schon da. Freunde haben René vom „Gedeckten Tisch“ erzählt. Er ist zum ersten „und sicher nicht zum letzten Mal“ hier. Schon zum siebten Mal findet die Aktion statt, die Kirchengemeinde und zahlreiche soziale Akteure der Stadt haben sich dafür zusammengeschlossen. Die Arbeiterwohlfahrt und der Kulturanbieter Kultür, die Suppenküche und das Kinderspielmobil – beim Gedeckten Tisch sind sie alle dabei.

Knuddelige Plüschtiere ließen Kinderaugen strahlen

René möchte seinen Nachnamen nicht nennen, aber er möchte erzählen, wie es ihm geht und wie es ihm beim „Gedeckten Tisch“ gefällt. René ist nicht christlich erzogen worden, aber alle zwei Wochen kommt er in die Kirche, um ein bisschen Zeit für sich zu haben, um nachzudenken, zur Ruhe zu kommen. „Und um eine Kerze für meinen Vater anzuzünden“, sagt René, er muss schlucken. „Mein Vater ist vor zweieinhalb Jahren gestorben, er wurde erschossen… – Ja, so etwas passiert wirklich.“

Angenommen, wie man ist

René ist Anfang 30 und sieht aus wie Mitte 40. Er lacht. Ja, er habe es nicht leicht gehabt im Leben.
Und er hat es sich selbst auch nicht immer leicht gemacht, wie die drei Punkte zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand verraten. Ein klassisches Knast-Tattoo. „Ich war nicht immer ein guter Junge“, sagt René: „Aber – pst – darüber schweige ich.“ Hier, unter der hohen Kuppel von St. Nikolai, fühle er sich angenommen, wie er ist. „Das Schönste ist, dass sich alle Menschen hier vertragen, egal ob jung oder alt, ob von hier oder zugewandert. Alle sind entspannt, es gibt keinen Stress – das ist draußen ja nicht immer so und es wird leider immer schlimmer.“

Der Pfarrer der Nikolaikirche, Matthias Mieke, will den Menschen genau dieses Gefühl geben. „Wir sind in erster Linie ein Ort der Begegnung“, sagt er. „Das Wichtigste ist, dass wir alle etwas gemeinsam machen.“ Monatelang hat der Gemeindekirchenrat den „Gedeckten Tisch“ vorbereitet, mehr als 200 ehrenamtliche Helfer teilen sich die Arbeit: Kochen, Kinder schminken, Spielzeug verteilen. „Mir ist es ein ganz dringendes inneres Bedürfnis, hier zu helfen“, sagt Christiane Standke.

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Sie steht in der Küche der Kirche, hier hat die Pensionärin, die lange in einem Ministerium und an der Universität gearbeitet hat, den ganzen Tag Kisten geschleppt und Freiwillige koordiniert. Nun atmet sie durch. Dann zählt sie auf: „21 große Laibe Brot, 150 Liter Suppe, gut 100 Liter Kaffee, ein Dutzend Springformen Kuchen, dazu fünf Blechkuchen, zwei Kisten Bananen.“ All das haben Christiane Standke und ihr Helferteam allein am Sonnabend für einen symbolischen Euro pro Person verteilt: „Es geht darum, diesen Menschen und den vielen Kindern, die hier sind, einen schönen Tag zu machen.“

René ist mit der Tram aus dem Schlaatz gekommen. Er sitzt mit alten und mit neuen Bekannten an einer weiß gedeckten Tafel, hat Soljanka gegessen – „mein Highlight“ – und „eine gute Bockwurst“. Jetzt genießt er die Musik: „Wie das in dem weiten Raum klingt!“ René lebt seit zehn Jahren von Hartz-IV und hat nur wenig: „Aber ich komme klar.“

Dem nagelneuen Rucksack, der hinter ihm an der Wand lehnt, konnte René dann doch nicht widerstehen. „Da ist alles drin: Schlafsack, Kulturbeutel, ein Sitzkissen… – perfekt für meine Angeltouren. Ich freue mich! So eine Ausrüstung ist teuer, bestimmt 40 Euro oder mehr. Das hätte ich mir nicht kaufen können.“ Der Rucksack war der letzte. „Wenn jetzt zum Beispiel ein Obdachloser gekommen wäre, hätte ich ihm den überlassen“, sagt René. „Das lasse ich dann lieber den Leuten, die wirklich Hilfe brauchen.“

Armut sieht man nicht auf den ersten Blick

Pfarrer Matthias Mieke weiß, dass man nicht jedem Menschen ansieht, wie hilfsbedürftig er ist. „Das hier ist ein Fest und da machen sich die Menschen richtig schick“, sagt er. Niemand muss hier nachweisen, dass er arm ist. „Die Hemmschwellen, sich Hilfe zu suchen, sind enorm hoch, egal ob bei der Schuldnerberatung oder wenn es um medizinische Hilfe geht“, sagt Matthias Mieke. Es gebe in Potsdam viele Anlaufstellen. „Wir machen das hier nicht, weil es sonst keiner anbietet“, betont der Pfarrer, „wir bieten nur einen großen Raum, in dem sich alle Organisationen ungeachtet des Glaubens versammeln können.“

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Finanziert wird der „Gedeckte Tisch“ durch Spenden. „Mancher überweist da 3000 Euro, ein anderer 2,50“, so Mieke: „Es hilft alles. „Das Wichtigste sind aber die vielen Gespräche, die wir führen, die vielen Geschichten, die uns die Menschen erzählen. Zeit haben, sich gegenseitig ansehen und zuhören, das ist das Wesen dieser Veranstaltung.“

Essen, Kleidung, medizinische Betreuung – der „Gedeckte Tisch“ deckt nicht nur Grundbedürfnisse. Er bietet auch Kultur: Chöre singen, ein Kindertheater tritt auf, am Sonntag war Michael Hirte zu Gast. Der Mann mit der Mundharmonika hat sich einst als Straßenmusiker durchgeschlagen und wurde in der Castingshow „Das Supertalent“ zum Star – ein echter Mutmacher.

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