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 Der Heimatroman: Küsse in der Kaiserstadt

Von Christina Sommer

Vom Flughafen ging es per Taxi zum Hotel „Sacher“. Anni hätte gern in einem kleinen Hotel gewohnt, doch Leo hatte auf dem eleganten „Sacher“ bestanden und es als selbstverständlich angesehen, dass sein Schwiegervater zahlte. Bruno Hofstetter hatte ein Vermögen mit der Herstellung von Gartenmöbeln gemacht, doch war er stets bescheiden geblieben. Leo von Falkenstein hingegen hatte außer einem klingenden Namen nichts vorzuweisen. 

Mitten in der Hotelhalle passierte es dann: Anni knickte um und sank mit einem Schmerzensschrei zu Boden.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Ein dunkelhaariger Mann wollte ihr aufhelfen.

Braune Augen sahen Anni eindringlich an. Augen, die sie kannte …

„Severin … du?“

„Anni! Was für unglückliche Umstände für ein Wiedersehen nach so vielen Jahren!“

„Ich denke, ich bringe meine Verlobte jetzt besser zum Arzt.“ Leo wollte den Fremden einfach zur Seite schieben.

„Lass das!“, stieß Anni hervor. „Ich kenne Severin. Er ist Arzt.“ 

Sie lächelte den Freund aus Kindertagen an, und beide spürten sofort die alte Vertrautheit.

„Ich bin hier auf einem Ärztekongress – gerade richtig, um dir zu helfen, wie mir scheint.“ Geübt tastete er den Fuß ab. Nachdem feststand, dass der Knöchel nur verstaucht war, begleitete er Anni kurzerhand auf ihr Zimmer. 

Eine halbe Stunde später hatte Anni einen kühlenden Verband am Fuß, Severin war gegangen, und Leo jammerte, weil er nun allein zu der Party gehen musste.

Insgeheim war Anni froh, den Abend ohne ihren Verlobten zu verbringen. Das Wiedersehen mit Severin hatte sie in ein Gefühlschaos gestürzt. 

Als es wenig später klopfte, zuckte sie wie ertappt zusammen. Auf ihr „Herein“ trat Severin ein. Sein Lächeln war zärtlich, und als er sie in die Arme nahm, geschah dies mit einer vertrauten Selbstverständlichkeit.

„Das musste sein …“ Er ließ sie los, dann suchte er in den Taschen seiner Jacke. „Hier!“ Er hielt Anni einen kleinen Stofftiger entgegen. „Weißt du noch?“ 

Anni griff mit zitternden Händen danach. Es war schon mehr als zehn Jahre her. Sie hatten mit der Klasse den Zoo besucht, und hinter dem Tigergehege hatte Severin sie zum ersten Mal geküsst.

„Wir sollten das wiederholen“, hörte sie Severin da sagen.

Annis Herz schrie Ja, ihr Verstand hingegen … 

„Severin … ich bin verlobt“, sagte sie leise.

„Natürlich“, erwiderte er. „Aber ich merke doch, dass du diesen Mann nicht liebst!“

„Ach! Und woher weißt du das? Leo ist sehr nett. Und meine Eltern …“

„Hör endlich auf mit dem Quatsch, Anni!“ Er rüttelte sie sacht. „Du musst ihn lieben, nicht seinen Namen.“

„Ich liebe ihn ja!“ Das klang trotzig. 

„Wenn das so ist …“ 

Die Tür fiel hinter Severin ins Schloss, und Anni war wieder allein. Allein mit dem Stofftiger, auf den unaufhaltsam Tränen fielen … 

Es war nach Mitternacht, als Leo zurückkam.

„Hallo, Goldy!“ Er fiel quer übers Bett und versuchte, Anni zu küssen. 

Anni murmelte nur etwas und zog sich die Decke über die Ohren. Leo redete trotzdem weiter. Unaufhörlich und euphorisch. Um dann, ganz plötzlich, umzuschwenken. 

„Geld müsste man haben! Nur dann ist man frei. Aber was muss ich? Dich um jeden Cent bitten. Dich oder den allmächtigen Herrn Schwiegerpapa. Verdammt, wie ich das hasse!“

Anni hörte fassungslos diesem Ausbruch zu, sah, wie Leo neben ihr zusammensackte – und reglos auf dem Boden liegen blieb. Panisch griff sie zum Telefon und ließ sich mit Severin verbinden. 

Fünf Minuten später war er da und verkündete: „Designerdroge. Typische Symptome. Ich gebe ihm was zur Kreislaufstärkung.“

Die restliche Nacht war ein Albtraum. Die ganze Reise schien ein einziges Fiasko zu werden. Anni reiste am nächsten Morgen ab.

Drei Wochen lang blieb sie standhaft, ließ Leo abblitzen, wehrte jeden Versöhnungsversuch ab. Doch dann hielt sie den Druck nicht aus. Und ehe Anni sich versah, hatten Leo und ihre Eltern den Hochzeitstermin festgesetzt.

Am nächsten Tag kam bereits der Anruf. 

„Anni? Stimmt das? Du heiratest diesen Typen wirklich?“ Severin konnte sich nur schwer beherrschen. 

„Es stimmt.“ Sie seufzte. 

„Du bist verrückt. Du …“ Es blieb kurz still, dann: „Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich dich liebe.“

Ein Klicken, und die Verbindung war unterbrochen. Fassungslos starrte Anni auf den Hörer in ihrer Hand. Severin liebte
sie … Und sie? Sie liebte ihn doch auch!

Anni versuchte prompt, die Nummer von Severins Klinik zu wählen und wollte die erste Zahl eintippen, als Leos Stimme an ihr Ohr drang.

„Warte noch vierzehn Tage. Dann bin ich mit dem Goldfisch verheiratet und kann dir alles zurückzahlen …“ 

Anni glaubte, einen Albtraum zu erleben. Mechanisch legte sie das Telefon zurück, dann hatte nur noch ein Gedanke Platz: Weg von Leo! 

Sie griff nach den Autoschlüsseln und stürzte davon. Wie ein Pfeil schoss der Wagen über die Autobahn. Und dann, ganz plötzlich, war der Lastwagen vor ihr. Sie versuchte zu bremsen, auszuweichen – zu spät. Nach dem Aufprall verlor sie das Bewusstsein. Um sie herum war es Nacht. 

Und die Dunkelheit blieb. Erst am siebten Tag fühlte sie plötzlich, dass sie nicht allein war. Ihre Lider flatterten.

„Anni … endlich!“ Jemand streichelte über ihre Wangen, dann wurde sie geküsst. „Komm, wach auf!“

Sie wollte nicken, doch ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihren Kopf. 

„Severin … Was ist passiert?“, fragte sie.

„Du hattest einen Unfall … vor einer Woche.“

„Was?!“ Ihr Puls wurde schneller. „Heute sollte … heute ist …“

„Dein Hochzeitstag, ja.“ Severin hielt ihre Hand. „Ich bin nicht böse, dass der Termin ausfällt.“

Ein zartes Lächeln glitt über Annis Gesicht. „Ich auch nicht.“ 

Sie wollte sich aufrichten, doch Severin drückte sie zurück in die Kissen.

„Langsam“, ermahnte er sie. „Du hast eine Gehirnerschütterung …“

„Glaubst du, ich werde wieder gesund?“ 

„Das glaube ich nicht nur, das weiß ich. Und ich weiß noch eins …“ Er beugte sich über sie, sie konnte seine Lippen schon fast auf den ihren fühlen. „Ich weiß, dass ich dich nie wieder aus meinem Leben lasse. Sobald du gesund bist, heiraten wir. Und wenn du nicht einverstanden bist, unterschreibe ich die Entlassungspapiere nicht.“

„Einverstanden“, flüsterte Anni. „Warum warst du bloß nicht schon früher so entschlossen?“ Eine Antwort bekam sie nicht. Jedenfalls nicht mit Worten.

ENDE

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