STADLPOST

© Kerstin Joensson
22. Juni 2017

Gunter Gabriel ist tot

Stadlpost konnte das letzte Interview mit dem Ausnahmekünstler führen und veröffentlichte dieses in der aktuellen Ausgabe. Dabei meinte Gabriel, dass er noch viel vor habe: „Mein bester Song kommt erst noch“ lautet  die Überschrift. Wir sind sehr traurig, dass wir diesen Song wohl nicht mehr höhren werden.

 

Letztes Interview von Gunter Gabriel mit der Stadlpost.

 

 

„Mein Bester Song kommt erst noch“

Mit „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ wurde der Westfale 1974 bekannt. Der Titel beinhaltete quasi sein Lebensprogramm. Denn mit den Finanzen war das bei ihm wie in einer Achterbahn. Mal alles, mal nichts. Wie gewonnen, so zerronnen. Um Geld zu verdienen, schmiss Gabriel fast noch als Kind die Schule. Später, als seine Lieder in der Hitparade rauf und runter gespielt wurden, hatte er so viel davon, dass er sogar seinen ersten Jaguar in bar bezahlen konnte. „Ich habe dem Autoverkäufer einfach eine Plastiktüte voller Eintrittsgeld auf den Tisch gestellt. Damals dachte ich, ich wäre durch die viele Knete frei, weil ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Doch es war eine verlogene Freiheit“, erzählt Gabriel in seinem letzten exklusiven Interview mit der Stadlpost.

 

 

Der Sänger machte sich auch als Komponist, Texter, Produzent, Synchronsprecher und Fernsehmoderator einen Namen. Doch auf die ersten Erfolge folgten schon bald schwierige Jahre. Durch „doofe Berater und blindes Vertrauen“ verlor er, wie er selber sagt, ein Vermögen. Die Folge: Er zog aus seinem Haus und lebte fortan auf der Straße. Sein neues Zuhause: ein Wohnmobil! Um die Schulden begleichen zu können, gab Gabriel später sogar Wohnzimmerkonzerte in Deutschland und Österreich. Für 1.000 Euro Honorar. Als Niederlage empfindet der Künstler diese Entwicklung bis heute nicht. Zu Recht, denn er wurde gut gebucht: „Viele Leute haben gesagt, da hast du doch am Boden gelegen. Aber ich habe nicht am Boden gelegen – nein! Ich habe Geld verloren, ja, aber mein Kopf funktionierte und ich habe immer Musik gemacht. Da fing eigentlich die wahre Freiheit an. Ich musste vor niemandem eine Rechenschaft ablegen – keiner Plattenfirma, keinem Manager gegenüber. Ich konnte wirklich machen, was ich wollte.“

 

Vieles im Leben ist tendenziell vorgegeben, meint Gabriel: „Ich bin ja ein sehr spiritueller Mensch und glaube auch an die Konstellation der Sterne. Ich zum Beispiel bin ein Zwillingsmann, im Aszendent Skorpion – das heißt: universell interessiert und very, very dangerous! Aber diese Kombination funktioniert! Ich gebe einfach nie auf.“ Schulden hat er inzwischen keine. Anstehende Fälligkeiten nennt Gabriel „offene Rechnungen“, weil er sie bezahlen wird – früher oder später.

 

Gunter Gabriel bei der Verleihung des smago-Awards Anfang Jänner 2017.

 

Aber nicht nur mit dem lieben Geld hat Gunter Caspelherr – seinen Künstlernamen „Gabriel“ leitete er vom Namen seiner ersten Ehefrau Gabriele ab – so seine Schwierigkeiten. Die Sache mit den Damen klappte auf lange Sicht bei ihm leider nie. Nach vier gescheiterten Ehen weiß Gabriel inzwischen, dass er einfach kein Familienmensch ist. „Ich habe alle Frauen immer aus Liebe geheiratet, um ein bürgerliches Leben führen zu können. Danach hatte ich immer Sehnsucht. Warum? Weil ich selber keine Familie hatte. Meine Mutter hat sich aufgehängt, da war ich drei Jahre alt. Mein Vater kam aus dem Krieg als Mörder zurück. Der schlug mich jeden Tag windelweich. Mit 14 setzte er mich vor die Tür. Ich habe also keine Familie gehabt. Deshalb wusste ich später auch nicht, wie das geht. Hoppe, hoppe reiter – das schon. Aber wie man treu oder zärtlich ist, das wusste ich nicht. Heute wüsste ich’s. Aber ich will ja gar nicht mehr heiraten, das lohnt sich nicht mehr“, sagt Gabriel.

 

Gunter Gabriel lebte auf einem Hausboot am Hamburger Hafen.

Gunter lebte bis zu seinem Tod auf einem Hausboot im Hamburger Hafen und hat im Grunde das gefunden, wonach er sich immer gesehnt hat: Freiheit! „Gerade war wieder ein Fernsehteam bei mir und die konnten das gar nicht fassen, dass ich so lebe. Ich lebe nicht im Protz, aber ich hab das Wichtigste, was sie alle nicht haben: Ich bin frei. Ich wohne auf einem Boot. Ich kann sogar über die Reling schiffen, wenn ich will … ich lebe frei! Und das ist das Wichtigste, die Freiheit ist das Entscheidende.“

 

Gunter Gabriel in der ZDF-Hitparade 1973.

 

Am 11. Juni feierte der Erfolgskomponist, der nicht nur für Rex Gildo, Wencke Myhre oder Juliane Werding, sondern auch für die Zillertaler Schürzenjäger Hits schrieb, seinen 75. Geburtstag. Anlässlich des Geburtstags von Country-Legende Johnny Cash veröffentlichte Gunter Gabriel im April dieses Jahres das Album „LickLab Akustik Session“. Gemeinsam mit dem dänischen Musikproduzenten Nils Tuxen hat er Songs der US-Ikone minimalistisch instrumentiert. Die Texte singt Gabriel mit seiner rauen Stimme auf Deutsch – ein Hochgenuss für alle Country-Fans und Freunde wertiger Musik.

 

„Meinen besten Song habe ich aber noch nicht geschrieben. Der kommt noch“, versprach Gabriel. „Ich mache Musik bis ich tot bin.“ Der deutsche Country-Sänger war am Vorabend seines 75. Geburtstages am 11. Juni auf einer Steintreppe gestürzt und musste daraufhin mehrfach operiert werden. Am 22. Juni 2017 verstarb Gunter Gabriel in einem Krankenhaus in Hannover. Wir sind traurig und werden ihn vermissen!